„Verändere Dich selbst“
Ein SPEX - Gespräch mit Kerstin Grether über die Symptome von "Anpassung
vs. Rebellion" - und wie man literarisch mit ihnen umgehen kann. Wie klingt
der innere Monolog einer jungen Künstlerin auf Identitätssuche? In ihrem
Debut-Roman "Zuckerbabys" bringt die Autorin die Widersprüche zum
Sprechen, die mit Pop und Feminismus in einer visuell aufgerüsteten Wirklichkeit,
die alle angeht, verbunden sind.
Interview: Tim Stüttgen
Dein Buch habe ich als eines der bisher lebendigsten Stücke Popliteratur
empfunden. Trotz seines aufgedrehten, oft humorvollen Tons handelt es aber vom
Horror der Magersucht.
"Danke. Freut mich, dass mein Versuch, Pop mit Ernst zu verbinden, als etwas
Lebendiges bei dir ankommt."
Interessant fand ich, dass Deine Heldin Sonja sich auch an subkulturellen Orten
bewegt, die ja die ganze Zeit angebliche Rettungsversuche machen, deren idealistische
Vertreterinnen kommen auch vor: eine kritische Journalistin, ein Riot-Girl-Trio
- die Mediendesignerin Sonja hat reflektierte Freundinnen und geht trotzdem fast
kaputt.
"Ja, auch in einem so genannten reflektierten Umfeld kann man kaputtgehen.
Zumal Sonja selber ganz schön reflektiert ist - ebenso wie die anderen auch
mal leichtsinnig und gedankenlos sind. Sonja repräsentiert die Position des
Künstlerischen. Sie hat bislang wenig Identität gefunden und gibt sich
äußeren Einflüssen so richtig hin. Ein offener Entwurf also. Ich
wollte bewusst eine Künstlerin auf der verzweifelten Suche nach einem Ausdruck
in den Mittelpunkt des Romans stellen, weil sie dadurch glaubhafter verschiedene
Phasen durchlaufen kann. Diese Phasen korrespondieren in "Zuckerbabys"
mit genau den Entwicklungs-Phasen, die wohl die meisten Mädchen in der westlichen
Welt durchmachen, und sei es nur, um die existenziellsten Bedürfnisse zu
befriedigen. Man darf das gerne als Imitation, als Sichtbarmachung, meinetwegen
auch als Persiflage auf die inneren Anpassungsmonologe in einer medial aufgeladenen
Gesellschaft verstehen. Demgegenüber stehen die Dialoge der Freundinnen,
die ihren künstlerischen Ausdruck schon gefunden haben."
Du warst schon immer für Deinen direkten Sprachgestus bekannt. Das hat sich
in "Zuckerbabys" noch verstärkt. Du sagst selbst, Du wolltest körperlicher
schreiben. Die Sprache fließt aus dem Habitus der Figuren - aber die Sprache
und Zeichen der Außenwelt genauso durch sie.
"Sorry, aber ich war auch für meinen intellektuellen Sprachgestus bekannt.
Und "Zuckerbabys" ist doch ein sehr poetisches Buch! Es war mir schon
wichtig, da nicht einfach nur `ne Packung Direktsaft springen zu lassen. Es ging
halt darum, dass sich die Geschehnisse auch wirklich bewegen - bis man beim Schreiben
gar nicht mehr eingreifen will, weil die Personen ihr Eigenleben führen.
Um so etwas passieren zu lassen, habe ich eine Collage aus Medien-Diktionen, Songtexten,
Werbung usw. geschaffen und die Personen mit ihren Entwicklungen da hineingeworfen.
Die Zeit selber hat intensiv mitgeschrieben. Während des Schreibens habe
ich als freie Journalistin - unter anderem bei MTV - gearbeitet, denn ich wollte
bewusst die aktuellen und avantgardistischen Versionen der Zeichensprachen und
Lifestyle-Codes, die draußen herumschwirren, in mir arbeiten lassen."
Andere Autorinnen hätten, gerade bei diesem Themenkomplex des Buches, dekonstruktivistischer
oder distanzierter gearbeitet. Du reagierst stilistisch konträr, warum hast
du dich so entschieden?
"Es gibt ja gar nicht "das Thema". Und wenn schon, dann sind Magersucht/
Schönheitsideale, ganz einfach auch Symptome für das übergreifende
Motiv "Anpassung vs. Rebellion." Die Autorinnen, die du meinst, hätten
wohl eher ein Sachbuch oder eine wissenschaftliche Abhandlung geschrieben. Roman-Autorinnen
arbeiten oft mit weniger Theorie und vor allem weniger Gesellschaftsanalyse als
ich. Aber du hast Recht in deiner Beobachtung der Direktheit: Ich glaube halt,
wenn man den "Moment" in seiner ganzen schönen oder erdrückenden
Aura abbildet, ist das näher am wirklichen Leben und Fühlen. Die Distanzierungsleistung
muss sowieso in der Gesamtkonstruktion enthalten sein. Die Personen werden immer
durch einen anderen Charakter reflektiert, der anders denkt, Kontra gibt, anders
lebt."
Darin unterscheidet sich der Roman konsequent von theoretischen oder elitären
feministischen Diskursen.
"Hoffentlich. Ich habe es als meine Aufgabe gesehen, mal auf einem anderen
Level zu beschreiben, wie es sich wirklich anfühlt, wenn man z.B. wankend
in den Klamottenladen geht und diese ganzen Shopping-Affekte auf einen einstürzen:
dieses "Hoffentlich passen mir die Kleider. Mein Gott, wie seh` ich aus?"-Paranoia."
Das affektgeladene Außen und die damit verbundene, alles durchdringende
Bilderwelt wird ja immer überall reflektiert, aber in seinen Auswirkungen
selten konkret benannt.
"Genau. Ich wollte beschreiben, wie die Bilder in die Körper der Menschen
eindringen. Wie die Leute sich davon in den Arsch treten lassen. Auch den Schmerz.
Das neue Niveau, das die Sensationalisierung von Körpern, Bild und öffentlichen
Personen ab der zweiten Hälfte der 90er Jahre erreicht hatte. Zu den üblichen
Reibungsflächen wie Freundschaft, Sexualität, Beruf, Berufung addiere
ich eben noch diese neue Form von Aussehensarbeit dazu. Ich finde, man muss das
mal in seiner Krassheit darstellen. Auch wenn Frauen historisch die Avantgarde
der Schönheitsprojektionen darstellen, betrifft das Männer ja genauso."
Ich finde gut, dass du betonst, dass man nicht mal kurz zwanzig aufklärerische
Sätze dropt, und sich dann schon der gesamten Problemensembles entledigt
hat, sondern wir alle da total drin stecken.
"Das ist genau der Punkt. Für mich besteht die einzige Möglichkeit
der Distanzierung darin, das in all seiner Tragweite sichtbar zu machen und auszusprechen.
Gerade Pop definiert sich doch sehr über das Äußere. Ich habe
nie verstanden, warum gerade in einer Hochphase visueller Aufrüstung der
Popkultur so onkelhafte Romane gefragt waren, wo sich Jungs am liebsten über
ihren Liebeskummer ausheulen und in ihrer Plattensammlung schwelgen. Wenn die
Popkultur plötzlich so ein ganz neues Freiheitsversprechen gibt - nicht mehr
"do it yourself", sondern "verändere dich selbst" - und
einen Schlenker in Richtung Disziplinierung macht, dann kann der Pop-Roman das
ruhig auch thematisieren."
---> Interview -2