Weibliche Fans haben in der Popwelt generell einen schweren Stand und werden
im Gegensatz zu ihren männlichen Mitstreitern so gut wie nie ernst genommen.
SeufztJa leider. Ich habe einen neun Jahre älteren Bruder, der mir früher
auch immer verboten hat in seiner Plattensammlung zu stöbern und meinte
meine Schwester (Sandra, ehemals bei Parole Trixi und jetzt Sängerin und
Gitarristin von Doktorella, der Band bei der auch Kerstin Grether singt, Anm.
d. V.) und ich würden doch eh immer nur den Schrott aus dem Radio hören.
Da habe ich mich auch gefragt, bin ich jetzt etwa weniger wert als er, wenn
ich einen Song von den Beatles gut finde oder wie?
Das hat dich und deine Schwester aber trotzdem nicht davon abgehalten, sich
schon in frühen Jahren der Musik mit Haut und Haaren zu verschreiben. Mittlerweile
hast du schon über die Hälfte deines Lebens damit verbracht über
Pop zu schreiben.
Ja, das stimmt. Der Wunsch war schon relativ früh da. So wie Sänger
immer behaupten, sie hätten schon von Kindesan gesungen, war das bei mir
mit dem Schreiben. Mit 13 Jahren habe ich einen Text von Lester Bangs über
Richard Hell gelesen. Von da an wusste ich: das will ich auch!
War das der Startschuss eures legendären Fanzines Straight?
Kann man so sagen. Und außerdem war das auch ein super Grund, Musiker
zu interviewen. Über die Plattenfirmen wäre so was ja nie gegangen.
Die hätten uns ausgelacht, wenn zwei 14-Jährige Mädchen um eine
Interviewaudienz bitten. Also haben wir die Bands nach den Konzerten angesprochen.
Und das hat überraschend gut funktioniert.
Auch weil ihr jung und weiblich wart ...
Kerstin: Sicherlich, logisch. Aber Musiker sind halt auch so extrem empfänglich
für Komplimente.
Sandra: Und natürlich hat das eine ganz andere Wirkung, wenn da auf einmal
14-Jährige Zwillingsmädchen vor dir stehen und dich für ihr Fanzine
interviewen wollen. Da haben sich die meisten Bands schon ein Herz gefasst.
Ihr habt euch also nie für jemand anderen ausgegeben?
Kerstin:Nee, das war gar nicht nötig. Wir haben uns nur älter
gemacht. (allgemeines Gelächter) Das natürlich schon.
Wie hat sich die Musikwelt eurer Meinung nach, speziell für Frauen,
gewandelt?
Kerstin: Es gibt zwar mittlerweile immer mehr Musikerinnen und die werden
zwar respektiert, aber bei weitem nicht genug.
Sandra: Am schlimmsten ist diese Rockmuckerwelt. Also Mischer, Gitarrenfachverkäufer,
Roadies, Techniker, Produzenten ... Dieses komische Zwischenweltpersonal verkörpert
für mich die absolut negative Seite der Rockmusik. Was man sich da als
musikmachende Frau zum Teil bieten lassen muss, ist erschreckend.
Werden deswegen immer noch so wenige Frauen musikalisch aktiv?
Sandra: Genau. Da muss man wirklich wahnsinnig harte Nerven haben, um das
jahrelang an sich abprallen zu lassen.
Gibt es keinen Ausweg aus der Misere?
Kerstin: Wenn die Frauen nicht mal anfangen, sich gegenseitig zu unterstützen,
sehe ich wenig Besserung.
So zum Beispiel wie die Veranstalter vom Ladyfest oder dem Lilith Fair (eingestelltes
Festival aus Amerika, auf dem nur weibliche Künstler auftreten, Anm.d.V.)?
Nee, das Ladyfest läuft mir zu sehr außer Konkurrenz. Ich meine damit
eher die Ignoranz von weiblichen Popstars und Musikerinnen untereinander. Ich
habe ja im Laufe meiner rund 15-jährigen Karriere eine ganze Reihe von
ihnen interviewt und auch gehypt, auch wenn ich von einigen menschlich sehr
enttäuscht war.
Warum?
Weil Frauen immer dazu tendieren, die einzigen sein zu wollen und sich
auch so verhalten. Unter Männern existiert ein viel stärkerer kameradschaftlicher
Zusammenhalt ...
Du sprichst bestimmt von "male bonding".
Genau. Nur ein Beispiel: Als Tocotronic damals berühmt wurden, haben
die in Interviews ständig auf die Boxhamsters als Inspirationsquelle verwiesen.
Und auf einmal haben sich die Boxhamsters-Platten wieder verhältnismäßig
gut verkauft. Auf solche Ideen kämen ich will jetzt an dieser Stelle
keine Namen nennen - weibliche Popstars nie. Dabei gebe es so viele Möglichkeiten
für erfolgreiche Frauen, im Musikgeschäft andere innovative und kreative
Frauen mitzuziehen.
Von wem warst du denn umgekehrt positiv überrascht?
Hmm... Shirley Manson von Garbage war toll. Und Kathleen Hanna oder Inga
Humpe.
In deinem neuen Buch "Zungenkuß" findet sich unter anderem
auch ein älterer Artikel aus dem Intro-Magazin, in dem du weibliche Teenie-Idole
auf ihre Vorbildtauglichkeit analysierst. Lust auf eine Fortsetzung?
Ja gerne! Immer her damit!
Lily Allen
Wenn es Lily Allen gegeben hätte als ich zwölf war, wäre
ich sofort in meinen übernächsten Traum gesprungen. Hätte mir
ein Secondhand-Designer-Kleid gekauft und meiner besten Freundin alles erzählt,
was ich wirklich denke. Für mich ist sie das perfekte Teenager-Idol, nicht
nur für Mädchen, sondern für alle Menschen eigentlich.
Gwen Stefani
Ah, das ultimative und ewige Cosmopolitan-Girl-of-the-Year! Bei No Doubt
war Gwen Stefani ja immer nur irgendjemandes kleine Schwester. Oder: Die Freundin.
Die Ex-Freundin. Die Verlobte. Die Tochter. Mehr Kim Wilde als Debbie Harry.
Das hat sich jetzt geändert. Seit sie solo glänzt, hat sie ihre wahre
Rolle gefunden: das Luxus-Event-Chick mit mehr guten als schlechten Tracks.
Was sie aber nun wirklich ihren coolen Produzenten verdankt. Und nichtsdestotrotz:
irgend etwas an ihrer Aura ist mehr als die Summe der einzelnen Teile. Und mehr
als Cosmopolitan erlaubt!
Lady Sovereign
Ziemlich toll. Und echt Wahnsinn, dass Lady Sovereign es gleich geschafft hat
in die amerikanische In-HipHop-Szene hineinzukommen ohne dieses Titts-and-Ass-Klischee
bedienen zu müssen. Bleibt hoffentlich so erfolgreich!
Nelly Furtado
Zögerlich Finde ich zwar gut was sie macht, brillantes Songwriting
und mich stört auch ihr freizügiges Image zur letzten Platte
nicht trotzdem hoffe ich, dass Lily Allen und Lady Sovereign ein paar
Jahre später nicht dieselbe Sex-Sells-Nummer fahren werden. lacht
Pussycat Dolls
Uff. Bitches with Attitude. Ein feuchter Produzententraum. Glaube nicht,
dass die sich halten werden.