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"Die neue Dürre"
Christina Mohr
Als vor drei Jahren Kerstin Grethers Roman Zuckerbabys erschien, wurde
ein Tabu gebrochen: zum ersten Mal stand das Thema Magersucht im Mittelpunkt eines
Romans, der oberflächlich betrachtet als Poproman durchgehen
konnte. Protagonistin Sonja zerbricht an inneren und äusseren Anforderungen,
Wünschen, Träumen und Bedingungen sie will so gerne Sängerin
werden, übt hingebungsvoll für dieses Ziel und muss doch erkennen, dass
ihr eine vermeintlich wichtige Voraussetzung zum Popstarsein fehlt: sie ist nicht
dünn, nicht so dünn jedenfalls wie die von ihr bewunderten und verehrten
Vorbilder. Kerstin Grether stellt mit Zuckerbabys dringende und unbequeme
Fragen: ist es tatsächlich so, dass Mädchen ihr Leben einem fragwürdigen
Schönheitsideal opfern? Dass sie lieber sterben als dick werden wollen? Und
dass schlussendlich keine Leidenschaft (Musik, Liebe) mehr zählt, weil die
Kalorientabelle im Kopf alles andere überlagert? Und wer ist daran schuld?
Ist überhaupt jemand schuld sind es die Medien, die Eltern, die Freundinnen,
der Freund?
Inzwischen haben die Zuckerbabys sprechen und singen gelernt: bei
Lido/Eichborn ist das Hörbuch erschienen, das viel mehr als ein herkömmliches
Hörbuch geworden ist und die Bezeichnung Hörspiel viel eher verdient.
Die Schauspielerinnen Jana Pallaske und Nina Friederike Gnädig leihen den
Figuren des Buchs nicht nur ihre Stimme, sondern lassen die Zuckerbabys ganz und
gar lebendig werden. Ausserdem sind Bernadette La Hengst, Jens Friebe mit dabei,
Friebe zum Beispiel spricht die Rolle des Mädchenschwarms Johnny. Neu aufgenommene
Coverversionen von The Corrs, Pink und Madonna runden das Projekt ab, das in unverkrampfter
und zeigefingerfreier Manier das nach wie vor tabubelegte Thema Magersucht behandelt.
Kerstin Grether hat satt.org Fragen beantwortet, die sich zum Erscheinen des Hörbuchs
neu stellten, aber ohnehin around sind
CM: Thema Zero-Größen: was glaubst du, warum ist der Wunsch nach
dem Verschwinden, immer-dünner und immer-weniger-werden-wollen bei vielen
Mädchen und Frauen so stark? Die Frage nach Schönheit muss man ab diesem
Punkt wohl nicht mehr stellen, oder?
KG: Leider doch. Denn die Frage, was schön ist, beantworten bei diesen
Größenordnungen ja täglich die bunten Illustrierten; und die seriöse
Öffentlichkeit hat sich nach anfänglicher Schock-Berichterstattung
über Magersucht mit fasziniertem Spott eingeklinkt. Alles scheint
so einfach zu sein! Die Ikonen der Zero-Mode sehen ja auch leicht aus, wie von
einem paradiesischen Lebensstil beschwipst, was ja mithin ein Zeichen für
eine beinahe artistische Schönheit ist. Und sie gelten ja auch als oberste
Party-Girls, wie sie da auf ihren öffentlichen Partituren schweben: Paris
Hilton, Nicole Richie, Kate Moss, Victoria Beckham, Lindsay Lohan, lauter leichte
schwerreiche Mädchen, die lächelnd, shoppend, farbenblühend und
rock`n`rollend, jede Fläche ihres Körpers verplant und mit kostbarem
Krimskrams dekoriert, von ihren hochbezahlten Fotos strahlen. Der Wille zum prallen
Leben, zur Überschreitung, zur wilden Party wird in dieser Generation von
ausgesprochen mageren, bis aufs Skelett verhungerten Mädchen-Körpern
dargestellt - was immer das auch für uns alle bedeuten soll.
Spaß? Das Noch-Dünnere-Ideal ist so schlimm, weil die hungernden Frauen
sich im Alltag, von nahezu jeder Frau, die dünner ist als sie, anstecken
lassen, es weiter zu treiben.
Und das hochbezahlte Foto vom vertuschten, retouchierten Exzess ist die Ware,
mit der gehandelt wird, weil die Öffentlichkeit geil darauf ist zu erfahren,
wie die Party backstage war.
Um auf deine Frage zurückzukommen:
Der Wille zur wild-retouchierten Party scheint im Fall dieser jungen Frauen dem
Willen nach dem Verschwinden vorausgegangen zu sein. Ich glaube nicht, dass immer
mehr junge Frauen verschwinden WOLLEN. Denn die Bilder zeigen ja das Gegenteil
von Verschwinden, nämlich Frauen-Freundschaft und Feiern und Konsum und kleine
Hunde; ironischerweise sind die Party-Girls ja auch noch miteinander befreundet.
Soll bloß keiner sagen, sie würden Wettbewerb und Zickenkrieg unter
Frauen vorantreiben!
Das ist alles so traurig und zynisch, und hat so viele verschiedene Ursachen:
Man möchte heulen über die Energie Verschwendung der Zero-Frauen. Frauen,
die sich dem Zero-Trend anpassen, haben sicher noch so einige persönliche
Gründe für dies lebensgefährliche Hungern, dass es mich gruselt,
darüber nachzudenken, wie sich wohl Mädchen fühlen, die nicht aus
liebevollen stabilen Verhältnissen kommen und trotzdem diesen behüteten
Party-Girls nacheifern. Viele eifern vielleicht auch gar nicht den fragwürdigen
Party-Poserinnen nach - die man auch beruflich gerne für Nullen halten darf
- sondern passen ihr salathaltiges Essverhalten einfach ihrer Umgebung, den Freundinnen
und Müttern an. Oder sind zu eingeschüchtert, um sich den Trends zu
verweigern, die sie selber mittragen. Jedenfalls gilt Zero nach einer kurzen Phase
medial gemeinschaftlichen Schauderns über die kranken Methoden Hollywoods,
die verrückten Reichen in LA, jetzt doch als vertretbares Schönheitsideal!!!
Ich habe eine zeitlang neben einem Gymnasium gewohnt, und mich da schon über
die extrem dünnen Schülerinnen gewundert; brachte die neue Dürre
aber nicht in Einklang mit dem kurzzeitig etwas üppigerem Schönheitsideal
bei Pop-Sängerinnen. (Wobei üppig, also die 90er Jahre-Magergrößen
34 oder 36, im Fall von beispielsweise Pink oder Britney Spears, natürlich
auch ein Hohn ist). Mittlerweile sehe ich unheimlich viele 30 40-jährige
Frauen mit Kindern, die selber Kindergröße tragen. Was noch vor ein
paar Jahren Größe 34 war, ist jetzt eben die Größe Null,
also eigentlich 30.
Und dabei hatte doch in den neunziger Jahren auch schon jede zweite Frau eine
Essstörung!!! Wie krank wird das noch? fragt sich Sonja, eine
Zuckerbabys-Protagonistin, am Ende des Romans. Nach wie vor gute Frage,
finde ich. Zumal die Nahrungsmittelindustrie uns mittlerweile mit immer leichteren
Produkten versorgt was angesichts des Ideals auch sinnvoll ist. Lieber
die Milch mit 0,1 % Fett trinken, als gar keine Milch mehr trinken. Es könnte
für die Frauen also leichter sein, heute Größe 34 oder 36 oder
38 oder 40 oder was auch immer zu haben, als noch vor zehn Jahren, als es diese
Produkte nicht gab. Wenn es doch nur mal darum gehen würde: um das leichtere,
bessere Leben, um eine schöne Leichtigkeit. Und so geht es im Grunde bei
diesem Schönheitsideal natürlich nicht um Schönheit, sondern tatsächlich
um Verschwinden light, um Abwesenheit in der Anwesenheit wie ein Vierteltagesjob,
den man von zuhause aus erledigt; wie das Gegenteil alles Authentisch-Rockigen,
was derzeit auf den Rockbühnen so vorgeführt wird. Die neuen Magergrößen
speisen sich scheinbar nicht mehr aus Wohlstands/Überfluß-Gesellschaft,
wie oft gesagt wurde, sondern können auch als Zeichen für Überflüssigkeit,
vielleicht auch Überdruß gelesen werden. Ein Loslösen auch von
individuellen Persönlichkeitsmerkmalen: Diese Krankheit macht ängstlich,
panisch, empfindsam bis zur Abstumpfung: der totale Anti-Pop! Im Strudel von Hungern
und Sportrausch kann man sowieso kaum noch eigene Entscheidungen treffen. Der
Trend ist nicht mehr äußerlich, sondern auch innerlich, wenn Magersucht
sich in die Persönlichkeitsstruktur integriert. Scheinbar halten sich aber
viele Frauen in der westlichen Welt lieber an schwierigen, als den einfachen Idealen,
die es ja zum Glück auch noch gibt, fest. Gerade auch diejenigen, die keine
20.000 Euro im Monat für Fitness-und Ernährungstrainer zur Verfügung
haben, die vielleicht sogar weniger als 20.000 Euro im Jahr verdienen. Was Frauen
alles für die vermeintliche Schönheit tun: ein Schenkelklopfer, und
die Paris Hilton-Witze handeln nicht mal davon. Und begleitet wird all das vom
scheinheiligen, seit 20 Jahren immer wieder anklingenden, an keiner Schulhof-Realität
orientierten Gejammer über die angebliche Epidemie der dicken Kinder,
die wohl unser Gesundheitssystem ruinieren. Dabei werden die Kinder gar nicht
immer dicker, sondern dünner: die Gefahr eines Herzinfarkts ist bei Magersucht
übrigens viel wahrscheinlicher als bei Dickleibigkeit, zumal im Kindesalter.
Laut Statistiken bekommen 1,5 % der übergewichtigen Kinder Diabetes und 15
% der extrem untergewichtigen sterben an Magersucht. Denn Herzinfarkt lautet die
häufigste Diagnose bei Magersucht. Den Herzinfarkt als Metapher zu lesen,
wäre auch zynisch. Trotzdem kann man manchmal über die Herzlosigkeit
dieses Schönheitsmythos schon mal beschweren.
CM: Wie autobiografisch ist "Zuckerbabys"? Und beantwortest du diese
Frage überhaupt?
KG: Das beantworte ich mittlerweile gerne, ich kann dazu stehen, mit Anfang
20 selbst magersüchtig gewesen zu sein. Zuckerbabys ist ja nicht
meine Schicksalsstory, sondern, unter anderem, eine poetische Argumentation zu
diesem Thema aus verschiedenen Perspektiven. Die Frage, ob ich magersüchtig
war, trifft nur einen Aspekt.
CM: Als Magersüchtige ist man dem Tod irgendwann näher als dem Leben
- spielt das Aussehen dann überhaupt noch eine Rolle? Fantasiert man sich
selbst als "schöne Leiche"?
KG: Man verdrängt den Tod. Wenn man den Gedanken, schöne
Leiche mal fassen könnte, würde man sich vielleicht helfen lassen.
Stattdessen versucht man eher noch, sich zu schminken und schön herzurichten.
Und da die anderen It-Girls ja auch hungern, fühlt es sich an wie die normale
Eintrittskarte in Liebe und Leben. Ich habe schon mit offensichtlich magersüchtigen
Frauen über das Thema gesprochen , und die erzählten mir , dass SIE
kein Problem mit dem Essen haben; und betonten gleichzeitig, wie schön
sie es finden,. dass es mal jemand anspricht. Und dann habe ICH die Romanautorin,
die das Thema von allen Seiten dargestellt hat, und auch einfach offensiv mit
den Betroffenen darüber redet aus deren Sicht plötzlich
das Problem.
Aber mit ihnen selber, so behaupten sie, hat das nichts tun, allenfalls vielleicht
kennen sie das von einer Freundin, sagen sie, und man hört dabei ihren Magen
knurren, sieht den abwesenden Blick, die ganze Fahrigkeit; die Symptome. Und wenn
man sie weiter anschaut, gruselt es einem manchmal; wie gehetzt, panisch, ängstlich,
verbissen, oder zumindest extrem schlechtgelaunt sie oft auch noch ausschauen.
Das hat natürlich zynisch, das jetzt zu sagen, auch Auswirkungen auf den
Humor. Hungern macht griesgrämig! Witzig ist man da schon lange nicht mehr
drauf. Ist ja klar, wenn man gerade dabei ist, zu verhungern. Da erfindet man
nicht mehr die Stand-Up-Comedy neu. Aber was noch geht in dem Zustand, ist komischerweise
eifrig und fleißig die Schulaufgaben erledigen. Ich wünsche den Magersüchtigen
eine gesunde Angst vor dem Tod, damit sie etwas an ihrem Zustand ändern.
Und eine gesunde Angst davor, bis zum Rest des Lebens in haltlosen Jobs vor sich
hinzuvegetieren. Man braucht einfach sehr viel Energie, um in der gegenwärtigen
Ökonomie oder auch in der Familie seinen Platz zu finden.
CM: Haben Magersüchtige das Gefühl, ein tolles Geheimnis zu haben
beziehungsweise anderen etwas voraus zu haben (nicht essen zu müssen), oder
ist es umgekehrt? Denken Magersüchtige, dass Nicht-Magersüchtige etwas
können, was sie selber nicht können?
KG: Sie denken, dass sie´s drauf haben, dass sie wissen, wie´s
geht. Und bemitleiden all diejenigen, die´s einfach nicht kapieren, die
einfach nicht wissen, wie man´s macht, wie man´s dreht, das Ding mit
dem Untergewicht. Gleichzeitig fühlen sie, dass die große Hunger-Leistung,
die sie vollbringen, natürlich etwas Besonderes ist und auch besonders bleiben
soll und diese Anstrengung wollen sie ja nicht von allen verlangen. Ganz
tief drinnen sind sie natürlich neidisch auf die normalen Frauen:
haben die es etwa nicht nötig, sich abzustrampeln? Werden die einfach so
geliebt? Haben die vielleicht noch andere Dinge, über die sie sich definieren,
die ihnen wichtig sind? Die Hungernden fühlen, dass die normalen
Frauen ein besseres, schöneres, einfallsreicheres Leben haben als sie selber.
Das macht sie stutzig und eifersüchtig aber sie glauben, daß
sie eben andere Typen sind, daß das Dasein für sie eben diese Prüfung,
dieses Ideal erforderlich macht. Und wollen mit den Normalen auch gar nicht tauschen,
weil dann wären´s ja nicht mehr sie selber. Im direkten Kontakt mit
normalgewichtigen Frauen sind sie milde-bemüht, milde-tolerant,
sich nicht anmerken zu lassen, für wie dick sie die halten weil sie
ja auch sich selber permanent für zu dick halten. Sie sind auch deshalb so
freundlich, um das eigene kranke Essverhalten zu vertuschen. Trotzdem hindert
ihre schwer abgerungene Toleranz sie nicht daran, Frauen oft und gerne von oben
bis unten zu anzuschauen und abzuschätzen. Ich kenne das noch aus meiner
eigenen Zeit als Magersüchtige diese Blicke passieren
praktisch automatisch. Magersüchtige Mädchen und Frauen wollen damit
einen Halt in der körperlichen Präsenz anderer finden; sich ihrer Hunger-Fortschritte
vergewissern und ständig neue Vergleichsgrößen finden. Sehen sie
einen lebenden Menschen, der dünner ist, als sie sich selbst empfinden, fühlen
sie mitunter einen großen Schmerz und neigen zur Nachahmung, so nach dem
Motto: das kann ich auch noch erreichen, das geht also doch, man kann das so machen.
Diese Eigenschaften haben nahezu alle Magersüchtigen, da mögen sie noch
so nette Menschen sein. Das ist ja bei jeder Sucht so: ab einem gewissen Punkt
sind sich ja angeblich auch alle Junkies oder Alkoholiker gleich. Und Magersüchtige
halt auch. Es ist ein erbärmliches Konkurrenzdenken und die Betroffen können
noch nicht mal wirklich etwas dafür, weil sie in der Krankheit gefangen sind,
oft auch psychisch. Nachdenklich werden sie eher, wenn sie realisieren, dass viele
Männer auf Arsch und Titten stehen. Das können sie sich
im Prinzip nicht wirklich erklären. Sie sind so weit davon entfernt, Brüste
zu haben, daß sie lieber über ihren kleinen Busen jammern/dazu stehen,
sich im Extremfall sogar Silikon einsetzen lassen, als einfach wieder gesund und
normal zu essen!
CM: Wen willst/musst du mit deinem Buch erreichen? Bekommst du Briefe von magersüchtigen
Frauen, die das Buch gelesen haben? Was schreiben die?
KG: Ich wollte einen anspruchsvollen literarischen Roman schreiben, der das
Thema Magersucht aus der jugendzimmergerechten Fallgeschichten-Ecke herausholt
und es mit allen Aspekte und Verzierungen als das beschreibt, was es ist: eine
der großen menschlichen Tragödien der Gegenwart. Die natürlich
auch einiges über unsere Zeit aussagt. So wie die Glasglocke
von Sylvia Plath in den 1950er Jahren. Die Glasglocke war eines meiner Vorbild-Bücher;
als idyllischeres, optimistischeres Gegenmodell war ich von Banana Yoshimoto beeinflusst.
Die Leser und Leserinnen, die mir schreiben, finden es spannend, einen Roman zu
lesen, der einerseits psychologisch motiviert ist, die Ursachen für Essstörungen
aber auch in der medialen Bilderwelt sieht und darüber hinaus lyrische
Qualitäten hat. Der Witz besteht ja gerade darin, dass die Protagonistin
Sonja den Schönheits- und Popschwindel durchschaut und trotzdem mitmachen
will. Und natürlich in der parallel dazu erzählten Geschichte von Sonjas
Freundinnen, die einen verblüffend kreativen Umgang mit den Herausforderungen
des Erwachsenwerdens haben.
CM: Dein Buch wird vornehmlich in die "Poproman"-Ecke gestellt -
ist das in Ordnung für dich oder engt das Rezeptionsrahmen ein?
KG: Die Idee war, einen ernsten Roman als Poproman zu verkaufen. Das war
ja nun auch nichts Neues; den Poproman gibt es ja nicht erst seit den 90ern.
Als ich mit dem Buch fertig war, wurde mir schnell klar, dass ich mich ums Image
selber kümmern muss. Beim Schreiben hatte ich noch gefühlt, was wohl
die meisten Debüt-Autoren fühlen: Wenn es erst mal fertig ist, wird
es schon genug Leute geben, die sich dann um alles kümmern! Dieses ganze
Kindische, Hilflose. Man denkt, man hätte da so einen Puffer zwischen sich
und der Welt. Es wäre ja zu viel verlangt, sich als Künstler auch noch
um die Vermarktung zu kümmern! Irgendwelche Experten werden das Genie schon
erkennen und in die richtigen Kanäle leiten. Ist natürlich alles Quatsch!
Ich empfand es als große Erleichterung, als mir das klar wurde, und habe
mich gerne aus der defensiven Haltung gelöst und beschlossen, mich auf die
schwierige Arbeit der Vermarktung wirklich einzulassen. Lieber zur Kunstfigur
zu werden und dadurch die größtmögliche Kontrolle zu behalten,
als auf doofe Art definiert zu werden. Ich kann sogar verstehen, dass die Leute
denken, Poproman, das ist easy reading, das ist nichts Richtiges.
ICH denk eher, es ist nichts Richtiges, wenn es immer nur innerlich,
nur Vater-Mutter-Kind-ödipal wird; habe das also eher genau andersherum
empfunden. Es gab zu diesem Zeitpunkt für junge Autoren ja auch nicht so
viele Schubladen: die Judith-Hermann-Schublade, die Poproman-Schublade,
dann vielleicht noch Frauenroman oder Städte-Roman
und dann noch die kein Poproman, also womöglich seriös, aber nichtsgenauesweißmannicht-Schublade.
Da fand ich Pop-Roman noch am passendsten. Zumal in der Poproman-Schublade vor
allem männliche Autorenstars abgeheftet waren. Und ich dachte, da geh ich
hin, das wird lustig! Und die auch noch spannende, Judith Hermann-Schublade war
ja so auf Melancholie und Innerlichkeit bezogen, und die Poproman-Schublade bediente
die Äußerlichkeits-Zuschreibungen. Und da in Zuckerbabys
so viel finsterer innerer Monolog ist, hüpfte mein Herz vor Freude bei der
Vorstellung, dahin zu gehen, wo es angeblich um Äußerlichkeit
geht. Denn ich wollte in Zuckerbabys ja beschreiben, wie die Bilder
in die Körper der Menschen eindringen, und auf der anderen Seite, wie vergleichsweise
toll die Musik ist, die dazu gespielt wird, fühlte mich im Pop
also irgendwie glücklicher. Zu den üblichen Reibungsflächen wie
Freundschaft, Sexualität, Beruf, Berufung addiere ich eben noch die mediale
Wirklichkeit, ihre neue Form von Aussehensarbeit zum Beispiel dazu. Ich finde,
man muss das mal in seiner Krassheit darstellen. Auch wenn Frauen historisch die
Avantgarde der Schönheitsprojektionen darstellen, betrifft das Männer
ja auch.
CM: Das Hörbuch mit den prominenten SprecherInnen und MusikerInnen verortet
"Zuckerbabys" ganz eindeutig in der Popkultur - willst du damit erreichen,
dass Magersucht offener thematisiert wird?
KG: Ja. Denn die Schock-Aufklärung der Boulevard-Medien kann`s ja nicht
gewesen sein.
CM: Also sozusagen Popkultur-topic wird?
KG: Es geht halt um Öffentlichkeit, um Popkultur-Topic sowieso. Es ist
übrigens verrückt, dass Magersucht nicht schon längst Popkultur-Diskurs-Topic
ist. Man muss es zum Beispiel leitenden Redakteuren und Journalisten immer wieder
neu erklären. Und es wird gestaunt, was das Zeug hält, vielleicht, um
es weiter zu verdrängen, vielleicht weil sie die Tragweite des Themas nicht
sehen.
CM: Wie kam Jana Pallaske ins Boot?
Jana Pallaske hatte Texte von mir in der INTRO gelesen, die Interviews mit
P.J. Harvey und Peaches. Und auch schon vom Buch gehört. Sie hat selber eine
Menge zum Thema Magersucht zu sagen, auch über individuelle Aspekte. Sie
hat sich das Buch dann selbst gekauft sie ist halt auch keines von diesen
Püppchen, das sich von fremden PR-Beratern leiten lässt; sondern sehr
self-made und cool und sehr süß und sie hat Zuckerbabys
dann an einem Tag durchgelesen, und wollte unbedingt Sonja sprechen.
Wir wollten natürlich auch unbedingt, dass sie es macht. Das ist schon ein
großer Glücksfall, eine Schauspielerin zu finden, die so genau die
Stimme der Protagonistin trifft. Noch präziser und eigenwilliger und schöner,
als man es sich vorgestellt hätte!
CM: Wie verliefen die Aufnahmen? Wurde viel über Magersucht/eigene/fremde
Erfahrungen gesprochen oder war die Arbeit im Studio ein normaler Job für
die Beteiligten?
KG: Alle Beteiligten haben mehr als nur einen normalen Job getan. Ihre Identifikation
mit dem Buch und seiner Sprache war ein großes Kompliment für mich,
und mir teilweise schon fast unheimlich! Sie haben es sehr lebendig werden lassen,
denn es wird ja parallel zur Magersucht auch noch die Gegengeschichte erzählt,
die eine von Rock`n`Roll und Freundschaft ist. Auch Laura Osswald, Bernadette
Hengst, Nina Friederike Gnädig und Jens Friebe haben sich mit Leidenschaft
und Witz eingebracht - und, ebenso wie Jana, auch die Songs, die sie singen, zu
ihren eigenen werden lassen! Das sage ich jetzt nicht, um uns alle zu loben. Es
war wirklich eine inspirierte, euphorische Atmosphäre im Studio. Über
Magersucht hatten wir in den Vorgesprächen schon viel geredet. Es gab ein
üppiges Catering im Studio. Die Schauspielerinnen sind ja täglich mit
dem Dünner-als-dünn-Terror konfrontiert. Die geniale Schauspielerin
Nina Friederike Gnädig, die die Rolle der Melissa unfassbar gut
gelesen hat und in ihrem Synchron-Kursen zum Beispiel immer Extra-Applaus
bekommt - erzählte mir erst neulich wieder am Telefon, wie traurig sie darüber
ist, dass es in ihrem Beruf gar nicht mehr um den Beruf geht, den sie gelernt
hat. Am Drehort würde praktisch die gesamte Aufmerksamkeit darauf konzentriert,
dass die Darstellerinnen so dünn wie möglich sind die Kamera
macht ja 4,5 Kilo dicker und so wenig wie möglich essen.
Es soll mir also keiner erzählen, dass Magersucht vor allem ein psychisches
Problem ist, was mit mangelnder Kommunikation in der Kindheit, oder Liebe, zu
tun hat. Man sollte es vielleicht mal andersherum betrachten: nur wenn man die
Erfahrungen aus der Kindheit (psychotherapeutisch) verarbeitet hat, bekommt man
das Problem, das von außen an einen heran getragen wird, vielleicht in den
Griff. Diese Bilder machen schon sehr viele Leute, die eigentlich auch besseres
mit ihrer Zeit zu tun gehabt hätten, therapiereif! Aber Therapie ist nur
eine mögliche Antwort darauf. Kunst, egal welches Genre, wäre eine andere
Alternative. Und dann muss man schon wieder Bilder von sich in die Öffentlichkeit
rausschicken...
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