Vorwort
Bekenntnisse
»Es so wie Madonna zu machen, sich so konsequent
die Freiheit offen zu halten, alle Positionen
der Macht und Ohnmacht einzunehmen, ist
ein Luxus. Oder eine Utopie.«
Joachim Hentschel
Ihren Namen auszusprechen ist immer noch wie ein kleines Gebet:
Madonna!
Wenn passionierte Girl-Power-Expertinnen und gestandene Berufshedonisten
heute beisammensitzen und die Anfänge des Madonna-
Phänomens erçrtern, diskutieren sie nicht nur die obligatorischen
Alternativen zur Pop-Queen; regelmäßig wird auch das
Cindi-Lauper-Fass aufgemacht:War denn die rothaarig auftoupierte,
gut ausgebildete New Yorker Sängerin mit ihrem spielerischemanzipationsdr
ängenden Gassenhauer-Refrain »Girls just wanna
have fun,when the working day is done« nicht die anspruchsvollere
Anwärterin für den Pop-Thron, damals, 1983?
Nein, Madonna ist die Königin, denn sie stampfte schon auf ihrem
ersten, schlicht und wirkungsvoll ›Madonna‹ betitelten Album
die Standards aus dem Tanzboden, die noch heute für alle amtlichauthentischen
Popsängerinnen von Christina Aguilera bis Lilly
Allen gelten. Bereits auf dem charaktervoll in Schwarzweiß gehaltenen
Cover-Porträt stellt die Chefin, sichtbar für jeden, jene kostbare
Währung desUrbanen aus, die bis dahin fast ausschließlich für
die Ausnahmegrçßen des weiblichen Rock- und Soul-Fachs reserviert
war: Credibility und Commercial-Appeal.
Locken wie die Monroe, aber im zackigen New-Wave-Stil frisiert
– den feingliedrigen Kçrper mit den schweren, silbernen Ketten
des Rap ebenso leichtsinnig behängt wiemit Klunkern aus dem
Traditionsfundus der katholischen Kirche – hatte Madonna vom
Inner City Life eindeutig mehr gesehen als die Prachtboulevards
und Traumfabriken. Warum sollten sich die verwçhnten Tçchter
und Sçhne aus den Vorstädten noch vom Broadway-inspirierten
Kindergeburtstagspop der Unterhaltungsindustrie auf der Nase herumtraumtanzen
lassen, wenn die hochgepitchte Micky-Maus-
Stimme dieser unheiligen Madonna sie auch auf die gefährliche
Seite der Straße mitnahm, in einen Discotaumel, der Wunsch und
Wirklichkeit miteinander bekannt machte? Und daran hat sich
bis heute nichts geändert, egal wie oft die Verwandlungskünstlerin
in der Zwischenzeit Outfit und Produzenten wechselte. Auch das
neue Album ›Hard Candy‹ liefert wieder süßes und toughes Seelenfutter,
ganz stil- und formbewußt docken einige der Songs im
Jubiläumsjahr wieder an Madonnas Frühwerk an.
Seit nunmehr 25 Jahren wollen wir an ihrenWünschen, Abgründen
und Rollenspielen teilhaben, denn wir ahnen bei jedem Schritt
Leben, das sie uns vortanzt, dass es unsere eigenen archaischen
Sehnsüchte sind, die sie so überaus kunstvoll auf die Spitze treibt,
und darüber hinaus.
Von unzähligen Fans,Wissenschaftlern, Pop-Feministinnen,
Ernährungsberatern, Kirchenvertretern, Paparazzi und Journalisten
dechiffriert, vergöttert und entblättert, gibt sie täglich neue Rätsel
auf und ist doch längst kein Mysterium mehr. Die erfolgreichste
Popsängerin aller Zeiten, die sich auch zur Tänzerin, Schauspielerin,
Songschreiberin, Buchautorin, Filmregisseurin und Designerin
berufen fühlt, dient als gigantische Projektionsfläche für eine
auf Wandel getrimmte öffentlichkeit. Wie ist es der Kunstfigur
Madonna – diesem rebellischen Mädchen aus einer streng katholischen
Detroiter Mittelschichtsfamilie – gelungen, ein Vierteljahrhundert
lang den Soundtrack für ein hedonistisches Lebensgefühl
abzuliefern? Sind ihre Provokationen eine auf so viele Weisen interpretierbare
Handelsware geworden, dass sie keinem mehr wehtun?
Und warum schmerzen ihre Songs und Videos trotzdem so
schön?
Die Themen, die wir mit Madonna assoziieren, sind groß und
unerschöpflich, denn die Epoche hat auf ihrWerk zurückgestrahlt.
Madonna Louise Veronica Ciccone-Ritchie hat den heiligen Zeitgeist,
diesen unsichtbaren, atemlosen, spendablen Gast, der bei großen
Künstlern nicht besonders beliebt ist, stets mit ausgestreck-
ten Armen empfangen, in schnelleren Frequenzen als jeder andere
Popstar, versteht sich: Discobewegung, Fitnesskultur, Post/Pop-Feminismus,
Globalisierung, Pophistorie, Religion, Mode, Kino, die
schleichende und nunmehr keuchende Boulevardisierung und Pornografisierung
der ffentlichkeit – mitsamt den Dramen des Erwachsenwerdens:
Madonna hat frh an den Psychosen aller Schlafzimmert
ren gelauscht und die schlaflosen Fragen unserer Zeiten,
die ja meistens zu drngend, kompliziert und schutzlos sind, um
sie zu beantworten, in ihr Werk eingebettet. Sie ist eine Agentin
des voyeuristischen Blicks und war schon immer da, wo die Netzgeneration
hin will: von der Wirklichkeit ins Bild und zurck.
Viele unserer Autoren lieben sie: »Vielleicht war ich sogar ein
wenig in Madonna verliebt, von ihr jedenfalls erlernte ich die Sehnsucht
nach Bewegung, erahnte, wie es sein wrde, das Leben mit
einem unverhllten Bauchnabel, das Leben im Tanz.« (Marica Bodroz
ic´) Manche hassen sie: »Madonna steht fr jenes Amerika, das
so selbstbewusst wie verbohrt den Tod verleugnet und seine rmsten,
ltesten, Kleinsten und Schwchsten zum Beispiel – ganz konkret –
nicht krankenversichert . . . wenn man mich fragt, sie verdient unsere
Liebe nicht: genau deshalb.« (Sarah Khan) Andere benutzen
sie fr eher praktische Zwecke: »Manchmal treffen wir Madonna
sogar im Traum. Beim letztenMal rupften wir drei gemeinsam einen
riesigen italienischen Kuchen auseinander, um uns gegenseitig die Rosinen
in die Mnder stecken.« (Annika Reich/Laura Bieger) Nur ein
unterkhltes Verhltnis zu Madonna ist nicht mçglich. Thomas
Groß, der es ausprobiert hat, kommt zu demErgebnis: »Es geht einfach
nicht, sich nicht mit Madonna zu befassen. Jeder Grund, sich
nicht mit ihr zu beschftigen, ist zugleich einer, es doch zu tun. Womit
wir im Zentrum unserer Fragestellung angelangt wren: Sind
die Madonnaisten die neuen Dylanologen?«
Sie sehen: Wir sind nicht vom Glauben abzubringen, dass noch
lngst nicht alles ber Madonna gesagt wurde oder dass es zumindest
keiner so schçn sagen kannwie die 43 Autoren und 16 Knstler,
die gemeinsam mit uns in den »sogenannten Sog« vonMadonna geraten
sind: »Und gleichzeitig sausten Lebenstrume, Erwartungen,
Hoffnungen, Neid, Missgunst und einiges mehr, was so schnell nicht
auszumachen war, an mir vorbei, zerrte an meinen Haaren und verlor
sich hinter mir in einem schwarzen Loch. Ich traute mich nicht,
mich umzudrehen, und es war auch gar nicht nçtig. Ich wusste, dass
Madonna den Club betreten hatte.« (Svenja Rossa)
Als uns die Lektorin Susanne Gretter vor zwei Jahren mit der
mitreißenden Idee konfrontierte, ein Buch ber Madonna herauszugeben
– ganz im Sinne unseres Mottos: »Es gibt keine stolzen
Frauen ohne Kçnigin« – und uns bald darauf mit einem festlichen
Anlass berzeugte: Madonnas 50. Geburtstag, waren wir sofort begeistert
undwussten im selbenMoment,wie es aussehenmuss: Das
Buch ber Madonna, das wirklich noch nçtig wre.
Wenn man, wie wir, als Musikjournalistinnen seit frhester Jugend
mit der Rezeption von Popkultur im Allgemeinen und weiblichen
Musikern und Role-Models im Speziellen befasst ist – und
zudem selbst als Schriftstellerin bzw. Musikerin der Logik einer
inneren knstlerischen Vision ebenso unterworfen ist wie ihrer
medialen Rezeption –, dann weiß man instinktiv, was noch gesagt
werden muss: weder wollten wir eine oberflchliche, aufs private
Starleben fixierte Berichterstattung, wie sie typisch ist fr die Lifestyle-
Medien, noch den akademischenDiskurs berMadonna – den
Zeichen-Theorien der 80er Jahre oder der Gender Studies-Variante
der 90er Jahre – weitere, unfreiwillig komischeMadonna-Interpretationen
ablauschen. Das Problem dieser bevorzugten Formen der
Madonna-Lektre besteht ganz einfach darin, dass sie oberflchlicher
und beliebiger werden, je tiefer sie gehen. »Madonna war
1990 lngst in den Fokus der akademischen Community geraten, wie
keine andere Sngerin. Sie hat der Forschung als einziger weiblicher
Weltstar den Gefallen getan, ber zwei Jahrzehnte erfolgreich im Gesch
ft zu bleiben.« (Elke Buhr) Unser Buch handelt nicht indirekt,
sondern direkt von Madonna, und die natrlich notwendige Abstraktion
soll sich auf ihre Themen und ihre Verwertungszusammenh
nge beziehen. Denn man kann es drehen und wenden wie
eine Discokugel: Madonna hat ihren Starruhm und ihre knstlerischen
Nebenaktivitten darauf begrndet, eine Disco-Pop-Snge-
rin zu sein. Das ist schçn, aber nicht banal.Wir wollen diesen Fakt
anerkennen und untersttzen und ihr dadurch ein besonders schçnes
Geburtstagsgeschenk machen. Denn Disco-Pop-Sngerinnen
sind nicht gerade das, was in der Welt da draußen wirklich zhlt,
viel zu viele haben ein schlechtes Bild von ihnen, vielleicht sind diese
Stars auch einfach zu begehrt. Noch in den 70er Jahren waren sie
nur als Eintagsfliegen, sogenannte »OneHitWonder« erlaubt, heute
muss dieffentlichkeit jeden Tag mindestens einen Schnappschuss
von ihnen haben . . . Oder, in den Worten von Jessica Fuchs, die
es gewagt hat, in Britney Spears’ Gedankenkarussell einzusteigen:
»Interessiert mich alles nicht, was ihr von mir denkt. Roger, over
and out. Ich hab den grçßten Teil der letzten sechsundzwanzig Jahre
damit zugebracht,mich in euch reinzudenken, mich mit euren Augen
zu sehen. Mich zu verbiegen und verbeulen, umeuch zu gefallen. Das
Superktzchen zu sein, die heiße Jungfrau, in Milch und Honig wohn
ich. Und auch wenn es heißt, ich demontiere mich seit zwei, drei Jahren
selbst perfekt, hçre ich immer noch das Wçrtchen perfekt.«
Von Anfang an war klar, Madonna und wir. Bekenntnisse sollte
sich in Inhalt und Form von den blichen Werken ber Madonna
absetzen. Wir wollten ein Buch, das sich dem Wirken und Werk
Madonnas auf literarische und journalistische Weise nhert; anspruchsvolle
und unterhaltsame Textemit gewagten, verblffenden
Thesen, die Madonna auf ihren eigenen Wirkungszusammenhang
zurckfhren und erschließen, mit Beitrgen, die begeistern und
entgeistern! Unsere Autorinnen und Autoren verknpfen das Ph-
nomen Madonna mit all den großen, unerschçpflichen Themen,
die wir damit assoziieren, ohne dass die Pop-Queen darber zur beliebigen
Spielwiese wird. Andere wiederum beschreiben Madonna
als Soundtrack eines allgemeinen oder persçnlichen Lebensgefhls,
vertiefen sich auch in ihre Produzenten,Vorbilder und Nachfolgerinnen.
Da wir vermeiden wollten, den knstlerischen Fortschritt
lediglich auf Madonna zu fokussieren, gibt es mit »Pop versus
Avantgarde« auch ein Kapitel ber Gegenmodelle zu Madonna,
ber Gegenspieler, wenn man so will.
Denn unser Lesebuch ist vom Geist der Vielheit beflgelt! Und
natrlich von den langen Kaffeehaus-Gesprchen, die wir mit nahezu
allen Autorinnen und Autoren gefhrt haben.
So entstand im Laufe eines Jahres ein mehrstimmiges Geburtstagsst
ndchen aus Essays, Prosa,Musikgeschichten,Manifesten, Interviews,
Songtexten, Skype-Chats, Glossen. Die Beitrge sind thematisch
angeordnet, so dass die unterschiedlichen Schreibweisen
sich magisch dialektisch ergnzen und natrlich auch eine Erzhlung
ergeben.
Madonna und wir. Bekenntnisse ist schließlich ein kleines Kunstwerk
geworden – was wir natrlich auch den Zeichnungen der bildenden
Knstler und der Auswahl der Kuratorin Caroline Nathusius
zu verdanken haben. Die einzelnen Beitrge kommunizieren
durch ihren Gegenstand miteinander, den Autoren und Knstlern
lagen die Texte und Bilder der anderen nicht vor. Sie sollten vornehmlich
aus ihrer eigenenWahrnehmung schçpfen. Die Journalisten,
die wir angefragt haben, kommen aus den unterschiedlichsten
Bereichen: Musik, Film, Mode, Kunst, Literatur und Frauen-Lifestyle.
Schriftsteller,Musiker und Kulturwissenschaftler komplettieren
die Autorenliste.Wenn uns die Biografie der Autoren exemplarisch
erschien fr einen zu erzhlenden Aspekt des Ganzen, dann
forderten wir den Schreiber auf, persçnliche Erfahrungen mit einfließen
zu lassen. Die Knstler wurden von Caroline Nathusius
nach mehreren Kriterien ausgewhlt: »Von manchen wusste ich
ber ihre Affinitt zu Pop-Musik als DJs, Konzertbesucher und
Musiker, z. B. Monika Baer, Birgit Megerle, Anna Parkina, Hanna
Schwarz und Amelie v. Wulffen. In Svenja Krehs Arbeiten fließen
Fragmente von Pop-Song-Texten ein. Andere haben die Geschichte
ganz bestimmter Frauen in der Vergangenheit untersucht, wie z. B.
Shannon Bool oder Henning Bohl, der sich mit der Person und
Rolle Anni Albers auseinandersetzte und der, ebenso wie Michaela
Meise, selbstMusik macht. Andrew Gilberts eigenwillige Auseinandersetzung
mit Religionsgeschichte machte seinen Beitrag ebenfalls
unverzichtbar. Einige der Knstlerinnen wie Michaela Meise,
Josephine Pryde, Sarah Staton hatten bereits vor Entstehung dieses
Buches das Phnomen Madonna zum Thema und wieder andere,
z. B. IsaMelsheimer,wuchsen einfachmitMadonna auf, ob sie nun
wollten oder nicht.
Fr das Buch schien es angemessen, Zeitgenossen einzuladen,
deren Schwerpunkt eher im figurativen und nicht im abstrakten
Bereich liegt. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie
alle ber dasMedium Papier und Fotografie entweder bekannt wurden
oder dabei sind, es zu werden. Diese Knstler haben mit dazu
beigetragen, dass die Papierarbeit heute den Stellenwert hat, der
ihr zusteht, und so, ob bewusst oder unbewusst, dem l-auf-Leinwand-
Dogma ein neues Bewusstsein entgegengesetzt. Man konnte
also davon ausgehen, dass die Einladung, eine Papierseite in der
Grçße eines Taschenbuchs in Schwarzweiß zu bespielen, eine willkommene
Herausforderung und kein Problemdarstellt. Ein großer
gemeinsamer Nenner der in diesem Buch vertretenen KnstlerInnen
besteht in deren ernsthaften Auseinandersetzung mit gesellschaftlich
relevanten Themen, die, nicht selten, mit demHoffnungstr
ger Humor eine Verbindung eingehen. Erfreulich scheint mir
ebenfalls, dass die eingeladenen Knstler aus mehr oder minder
großer Distanz das Werk der anderen schtzen.«
Denn natrlich kannman diese Anthologie auch anschauen und
lesen, wenn man sich nicht frMadonna interessiert. Zum Beispiel
auch als Versuchsanordnung von aktuellen Schreibweisen des New
Journalism, wie sie der Alltagsjournalismus im Eifer des Ressentiments,
der Routine, des Aktualittsdrucks und der Maschine immer
seltener produzieren kann. Oder als die Geschichte eines etwas
anderen weiblichen Selbstverstndnisses. Unseren Autorinnen und
Knstlerinnen gibt Madonnas Spiel mit Maskerade, Herrschaft
und Wirklichkeit schon lange zu denken – auch was die eigene
Wirklichkeit als Frau betrifft. Das lßt einen milde lcheln ber
einen »neuen Feminismus«, der sich darber erhebt, dass Emanzipation
– seit circa 2006 – nicht mehr gleichbedeutend sei mit lila
Latzhose und weite Schlabbersachen tragen. Im Kapitel »Wo geht’s
denn hier zum Pop-Feminismus?« wird noch mal erklrt, was in
den letzten 20 Jahren so los war.
Madonna und wir. Bekenntnisse mçchte darber hinaus auch
die Sinne fr das Drama einer widersinnig-hochkulturellen Sichtweise
schrfen, die sich aufgrund falscher Bildungsvoraussetzungen
noch immer zu schade ist,Wissenschaft und Wirklichkeit innerhalb
von Popkultur zu lesen, anzuerkennen und Schlsse daraus
zu ziehen! Schade – denn die Wirklichkeit ist immer schon da,
wenn Popdiskurs und Popkunstwerk reagieren. Wenn Madonna
im Interview mit Christoph Amend betont, es gebe noch zu wenige
positive Vorbilder fr junge Frauen, dann liegt das sicherlich auch
an den oft entwrdigenden Darstellungen von Sngerinnen, Musikerinnen
und auch Schauspielerinnen in den Medien. Wir sind
daher zu der Auffassung gelangt – die meisten Autoren in diesem
Buch sehen das aber anders –, dass Madonnas bertriebener Perfektionismus
und die von ihr verkçrperte Disziplin leider richtig
und notwendig waren. Und freuen uns sehr, dass sie mit 50 noch
so jung aussieht! Sollen doch andere fr ein Altern in alter Wrde
kmpfen . . .
Indem sie den Sound der Straße, der Tanztempel und der Turnhallen
ins Pop-Format bersetzte, bekam die ambitionierte Blonde
schon 1983, was sie wollte: »Everybody« – so der Titel ihres ersten
selbstverfassten Songs – den Schweiß aller also! Und brachte damit
frher oder spter z. B. auch die alternativen Biolehrerinnen ins
Schwitzen, die angesichts von so viel Haarlack und Disco und Dekolletee
die Nase rmpfen und die Straßenseite wechseln mussten.
Diese kraftlosen Spçtter brauchten 20 Jahre oder haben es noch
nicht begriffen, dass der Sinn manch triebgesteuerter, treibhauseffektargloser
Madonna-bung darin bestand, sich zum Subjekt
zu machen, und nicht etwa zum Objekt, wie sie argwçhnten. Und
wie alles, was Subjekt werden will, eben nur mit Klunkergerassel,
Klimbim oder auch Haarlack zur Welt kommen kann; wofr Madonna
aber Reue zeigte, als sie sich, ganz die Hauptattraktion, bei
»Live Earth« fr die Belange der Umwelt engagierte. Den Charme
des Crediblen hatte sie schon auf ihrem First Album bitter nçtig,
schließlich befçrderte die damals 25-Jhrige auch Ehrgeiz und Disziplin
auf dieWeltkarte des Pop zurck. Eine Zeitenwende war das
schon, in der flippigen, vertrçdelten Post-Punk-ra. Im athleti-
schen Discoknaller »Holiday« feiert sie die Utopie eines Urlaubstages:
»Just one day out of life. It would be so nice!«Wenn du Respekt
willst, musst du auf den Feierabend verzichten, scheint die Vorturnerin
aller neoliberalen Selbstausbeuter zu sagen, umgleichzeitig –
in akrobatischen Videoclips – jede Menge Spaß an selbstbestimmter
Arbeit zu verbreiten. Doch zunchst verkaufte sich das Album
schleppend. Da marschierte die Chefin hçchstpersçnlich in die
New Yorker Clubs und tanzte ekstatisch zu ihren eigenen Songs,
fhrte vor, wie das alles so gedacht war!
Und mindestens einmal hat sich seitdem jeder um die eigene
Achse drehen und komisch rumhpfen mssen, auf den Tanzfl-
chen dieser Erde, wenn Madonna gespielt wurde, egal, was die anderen
dachten!
Oder, umes mit denWorten von Steven Ansell zu sagen, Schlagzeuger
und Snger der Blood Red Shoes – einer der momentan
heißesten britischen Rockbands –, der sicherlich schon oft zu Madonna
herumgehpft ist: »Den Jungen geht es um Energie und
Wandel und Sinn, um lauteMusik und Liebe und um die Zukunft.
Den Erwachsenen dagegen geht es um Angst, um Egoismus und
ums Stillhalten. Und ich weiß, auf wessen Seite Madonna steht!«
Herzlichen Glckwunsch zum 50. Geburtstag!
Ave Madonna Kerstin Grether, Sandra Grether