"Ein mitreißendes
Buch aus der Welt der hungernden Frauen."
Sven Regener
"Du willst Dich sammeln, gegen den ganzen zudringlichen Dreck von Stil-
Beratern, Casting-Direktoren, Vermietern, Ausbeutern, Lügnern? Dann
lern doch einfach ein paar Absätze aus dem Buch auswendig. Es wird dich stärken."
Dietmar Dath, Frankfurter Allgemeine Zeitung
ROMAN
Klappentext:
Die junge Medien-Designerin Sonja ist gerade nach Hamburg gezogen beinahe glücklich.
Ihr neuer Job ist angenehm, die neuen Freunde sind aufregend. Und der umschwärmte
Rockmusiker Johnny küsst ausgerechnet sie! Sogar ihrem Ziel, Sängerin
zu werden, kommt sie Schritt für Schritt näher. Wenn da nur dieses Gefühl
existentieller Unzulänglichkeit nicht wäre; wachsende innere Zweifel,
die sie durch ein perfektes Äußeres zu kompensieren versucht. Und während
die Clique über Medien-Subversion, perfekte Protestsongs und weibliche Kreativität
plaudert, verfällt Sonja ins Gegenteil: beginnt heimlich die Kalorienzufuhr
zu reduzieren und die Medien-Bilder klapperdürrer Sängerinnen anzuhimmeln.
Sie taucht in Songs und Kindheitserinnerungen ab, isoliert sich und hungert. Bis
all die Versprechungen, die eben noch wirklich waren, sich gegen sie wenden. Und
sie schließlich durch alle Phasen einer lebensgefährlichen Magersucht
gerissen wird. Jetzt müssen sich ihre Freundinnen wirklich kreativ und menschlich
etwas einfallen lassen, um sie da wieder rauszuholen...
Zuckerbabys ist ein außergewöhnlich sprachbesessener Roman über
Magersucht und Erwachsenwerden - und zeichnet das Psychogramm der zwischen Traum
und Albtraum, Freiheit und Disziplinierung lavierenden Casting-Generation.
LESEPROBE Hunger
Grell fällt das Licht auf Straßen und Autos, dann wieder ist die nachmittagswarme
Stadtlandschaft in ein so entrücktes Gelb getaucht, als hätten die Straßen
in Vanillemilch geschlafen. Es ist hoher goldener Herbst und ich fröstle
auf dem Fahrrad.
Va-nil-le-milch.
Zittrige Füße treffen auf rudernde Pedale. Es ist gar nicht so einfach,
der Sonne entgegenzufliegen, wenn Pedale im Leerlauf galoppieren und Beine hängen
und hüpfen wie Knetgummi.
Heute unbedingt rechtzeitig bremsen! Auf dem Weg ins Schwimmbad sind mir schon
die blödesten Unfälle passiert. Nichts Schlimmes. Kleine, dumme Unfälle.
Vorletzte Woche musste ich so unglücklich einem Fußgänger ausweichen,
dass ich karacho an eine Plakatwand geknallt bin, und alles, der ganze Body, hat
sich extrem kaputt angefühlt - nicht so kaputt natürlich wie das Fahrrad.
Das Fahrrad war wirklich kaputt, und es hat drei ganze Tage gekostet, ein neues
zu beschaffen. Ich werde noch mehr schwimmen müssen, habe ich während
dieser drei langen Tage gedacht. Denn Ausfälle schreien nach einem Ausgleich.
Das war noch ganz am Anfang. Jetzt ist das Routine.
Die Schwimmzeiten haben sich sehr verlängert, das ist gut so. Gestern waren
es mehr als zweieinhalb Stunden, die Pausen am Beckenrand nicht dazugezählt.
Zwei Stunden oder so gehen in Ordnung, weil noch die Fahrradtouren und die Gymnastik
dazukommen. Alles in allem kriegt man auf diese Weise den Spinat der Firma "salto"
schnell wieder raus, ebenso die beiden Äpfel und drei Knäckebrote spät
am Abend. 350 Kalorien sind nicht zu viel. Ich habe es mir genau ausgerechnet.
Man muss etwas essen. Jeder Mensch muss das.
Verdammt, schon wieder ein stumm meckernder Fußgänger. Immer wollen
die Fußgänger mich durchwandern: "Geh doch selber auf der Straße!"
Manchmal muss man diesen Störern richtiggehend etwas nachschreien. Und den
Angaben in den Kalorientabellen, also diesen Angaben muss man glauben.
Die erste Beschwerdemeldung des heutigen Tages kommt prompt.
"Fahren Sie gefälligst auf der Straße!", empört sich
ein Rentner.
Aber was kann ich dafür, dass es hier keine Fahrradwege gibt? Soll ich die
tollen Kinderspiele etwa auf der Straße spielen? Kinderspiele, wie zum Beispiel
ganz lässig die Arme baumeln lassen oder in die Hände klatschen beim
Fahren. Einmal, zweimal, dreimal. Das habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr
gespielt.
Da nähert sich auch schon meine Lieblingskreuzung. Winddurchbraust warten
hier die großen tröstenden Schwimmbadbäume. Wo ihre Schatten enden,
springt die Sonne noch vanilliger hervor. So wie heute hat der Herbst bestimmt
schon vor hundert Jahren ausgesehen. Oder ganz, ganz früher, der Herbst,
in unserem alten Haus. Verschleuderte seine letzten Blüten, einfach so, damit
es endlich Winter werden konnte.
Wie man früher in der Schulpause immer Vanille-, Schoko- oder Erdbeermilch
getrunken hat. Komischerweise immer im neuen, nie im alten Flügel von der
Schule. Vanillemilch war die beste Milch, danach kam Schoko und dann Erdbeer.
Erdbeer ist immer nur als Frucht gut gewesen, nie in Form von Milch oder Eis.
Und wenn man zwanzig Jahre lang normal gegessen hat, denke ich, und nehme zum
wiederholten Male eine Kurve und eine rote Ampel mit, wenn man also über
zwanzig Jahre lang normal gegessen hat, muss man doch eigentlich nie mehr etwas
essen - man weiß schließlich bei allen Sachen, wie sie schmecken.
Und verpassen kann ich nichts, nur weil ich das nicht mehr haben muss.
Es hat so etwas Schickes, ich fahre wieder freihändig, wenn man die andern
vorbeiziehen lassen kann. Alles andere ist so eine blöde Welt. Die Welt ist
blöd, die Leute sind blöd, die Kunst ist blöd, die Leute in der
Bar sind blöd, alle sind blöd. Fahren ihr gewieftes Alltagstrotteltum
weiter, und wissen nicht, wie man daneben, so ein Leben daneben
Ich remple die Schwimmbadtüre auf, werfe mein Geld auf den silbernen Drehteller
vor der dicken, alten Frau, die da sitzt, in Kreuzworträtsel gehüllt,
weil ihr Badeanzug, schwarz natürlich, nichts verbirgt. Weißes Fett
quillt aus ihrem Bauch, tropft von den Schenkeln, als wäre es von einem bösen
Geist extra mit dem Schneebesen angerührt worden. Immer ein paar Meter von
der Kasse entfernt sitzt sie da, die alte Frau, und watschelt in das Glashäuschen,
wenn Besucher kommen.
Gib mir meinen Bon, armes fettes Mädchen; ungeduldig hüpfe ich von einem
Bein aufs andere. Kurz vor dem Umkleiden ist man so "on the run" andauernd.
"Sie schon wieder", die alte Frau lächelt freundlich, lächelt
freundlich, die alte Frau. Dass die sich nicht schämt; ich an ihrer Stelle
würde mich schämen!
Ich wandere ins tiefe Chlor und schwimme eine Figur von früher, die zerrt
ein Bild vor meine Augen. Und ich sehe wieder das Mädchen. Das Mädchen
sitzt schmal am Frühstückstisch und lacht verstohlen aus einem weißen
bestickten Rollkragenpulli in die Welt hinaus.
Die Haare sind noch hell vom Kindsein und die Augen leuchten zur Mama hin, die
ein Foto macht. Das schmale Mädchen hat einen Marienkäfer auf der glatten
Brust sitzen, einen großen runden aus Schokolade. Mit grünblauen Fäden
wurde ein Wort auf den Pulli gestickt, "Magic". Ein seltsames Wort,
geformt aus schönen, großen Buchstaben. Und das schmale Mädchen
mit dem Magic-T-Shirt ist ein fröhliches Mädchen, das seiner Mama nur
Freude macht. Wenn das Mädchen ganz viel froh ist, räumt es alle Erwachsenenlebensmittel
aus dem Küchenschrank und spielt Kaufladen. Schwergewichtig stehen Milch,
Mehl und Zucker auf dem runden Kinderzimmertisch. Mama lacht und kauft dem Mädchen
alles wieder ab. Ein Kuss Milch, ein Kuss Mehl, ein Kuss Zucker. Das sind schöne
Stunden.
Und das schmale Mädchen mit dem Magic-Pulli lacht: Das war ich, falsch, das
bin ich!
Mit beiden Armen hole ich fest aus. Alles wird, wie es war - dafür werde
ich sorgen. Man selbst wird wieder, was man war. Hier im Schwimmbad ist alle Bewegung
frei, endlich freie Begegnung, und die Gedanken sind so aktiv, Aktivgestaltung
einer Zukunft! Eine Kraft ist in dem Körper, die sich mit dem Wasser schlägt.
Ich schlucke, kaltes Wasser, warmes Wasser. Man schlägt sich durch, und die
Gedanken reißen alles nieder. Gedankenniederriss. Und ich denke, dass ich
sein werde. Weit weg zerrt Kraft an Angst, schlägt sie beiseite, die blöde
Angst. Es ist ja zum Beispiel ausgemachter Blödsinn, Angst zu haben vor einer
Zukunft. Die Zukunft wird stattfinden. Alles aus dem Weg, bitte. Hier kommt Sonja,
die Kämpferin!
Das Wasser treibt, und ich treibe das Wasser. Was sich anfühlt, ist nicht.
Nichts ist, was soll auch immer sein. Hat man früher nach dem Schwimmen ein
Glas Orangensaft getrunken, an der Bar, im Kindheitsschwimmbad? Mit dem Bademeister
gescherzt? Alles doof, Unfug.
O-ran-gen-saft.
Ein Glas Orangensaft hat so viele Kalorien, dass man einen Tag davon leben kann
- das sind die Fakten.
Keine Geräusche mehr, kein Krach, kein Lärm, kein Pop.
Geht mir alle aus dem Weg, denken Fetzen von Gedanken in meinem Kopf. Ich kann
Euch nicht mehr sehen, ich kann Euch nicht mehr hören. Bemerken nicht, wie
sie stören, andauernd, die vielen festen Leute um einen rum, ein Gewühl
und Gewusel, ein einziges.
Wie unziemlich die kleinen Jungs am Beckenrand schreien - Maul halten, ihr biestigen
Boys! Ruhe bitte. Hier kommt Sonja, und Sonja braucht Ruhe.
Wie laut die sind, eine unverschämte, unfassbare Lautstärke. Hey, ihr
bescheuerten Quälgeister, das hier ist ein öffentliches, ich wiederhole,
ein öffentliches Schwimmbad - kein Landeplatz für Hubschrauber! Oh wie
gerne hätte ich diese Biester jetzt mit Wasser vollgespritzt, aber das geht
ja nicht, nie darf man sich beschweren. Uah! Und wie die Lehrerinnen mit knabenhaft
hohen Stimmen ihre Kleinen dirigieren. Gerade haut mir eine Trillerpfeife das
Trommelfell weg.
Verbieten sollte man das, mit Trillerpfeifen herumzutrillern, öffentlich.
Da ist das rote Samtkleid wieder da, erstrahlt vor meinen Augen, ladylike, göttlich.
Schließen sie ihre Augen und stellen sie sich genau vor, was sie anziehen
werden, wenn sie endlich ihr Traumgericht, äh, ihr Traumgesicht, wenn sie
endlich ihr Traumgewicht erreicht haben! Aussehen wie P. J. Harvey auf dem Cover
von "To bring you my love". Oder, ganz zeitlos, blaue Karos auf gelbem
Stoff, wie in Siebziger-Jahre-Filmen, und ein enger himmelblauer Flauschpulli,
mehr braucht es nicht mit dem warmen Wind im goldblonden Haar. Hallo Beckenrand!
Küste droht und ich werfe die Segel um. Und dazu normale halbhohe Turnschuhe,
keine Turmschuhe aus tausendundeiner Plateausohle. Lustig im Takt zum Leben sich
wiegen.
Da ist eine Kraft in dem Körper, die sich mit dem Wasser schlägt.
Alles aus dem Weg, bitte. Hier kommt Sonja, die Kämpferin!
Nebel in der Luft, als ich erneut zum Fahrrad greife.
Wo ist der schöne Herbstnachmittag, der gerade noch war? Alles scheint so
versunken, sinkende Täler, erfrorene Bäume, Kälteschock. Ein kleiner
Apfel in meiner Hand wird riesengroß. Der Mund muss ihn kosten, noch bevor
ich auf das Rad steige. Als das süßliche Fruchtwasser die Kehle hinunterrinnt,
dauert es Jahre, und die Schale ist so knackig wie der Po von Mariah Carey, und
der Apfel duftet wie das gute Schauma-Shampoo. Oh selige Kindheit, mit deinen
Apfelshampoos und Apfelduftbädern.
Alles schäumte und das Leben verbeugte sich, träumerisch, eine Gischt
in Weiß und in Grün.
Auch das Wetter orientiert sich zweifelsohne an P. J. Harveys Ästhetik. Ein
Donner spielt Bass in der Ferne, die Zweige oben in den Bäumen bewegen sich
so elegisch wie Geigenspieler.
Vorbei an Autos, die husten und hupen, eine Ampel schaltet von Gelb auf Grün,
gleich wird ein Gewitter, werden Regen und Blitz hier ankommen.
Zu Hause, endlich zu Hause, steuern Allitas und Kickys AB-Messages auf einen unsichtbaren
Horizont zu. Ich brauche sie nicht mehr, ich bin bei mir - pretty woman, walking
down the street. Die, die du treffen willst. Und ich sehe mich:
Entlang aller dunklen Straßen dieser Stadt laufe ich die Kneipen auf und
ab, sie heißen Lucky Star, es sind keine Szene-Bars. Sie spielen "So
bist du", sie reichen ihre Melodien wie Buchstabensuppen durch die regennassen
Straßen. Ich bin ganz allein. Ich bin spicy, sexy und hot. Ich bin Moses,
Madonna und Motörhead.
Wenn keiner mich versteht, wird mein Schweigen explodieren.
Und laut und theatralisch singe ich: The world is not enough. Die Nutten starren
mich feindselig an. Nur Nachtschwärmer und Tagdiebe sind noch unterwegs,
nur Nichtstuer streichen noch um die Häuser. Endlich stehe ich auf und trinke
ein Glas Wasser. Meine Fantasy-Kreuzzüge machen mich fertig. Ich will nur
noch trinken. Das Wasser macht mich fertig. Es ist so viel und reichlich. Das
Wasser macht mich satt. Ich will ruhig liegen und schlafen. Ich will alles vergessen.
Ich denke an nichts.
Nichts. Nichts. Nichts. Das Gesicht von der dicken Bademeisterin geht über
in das Gesicht von Madonna.
Ich bin beide, ich bin alle, ich bin nichts.
Endlich führt mich der Schlaf in seinen Palast sanfter Selbstvergessenheit.
Wieder einen Tag überstanden.